Was machen Sie heute?
Im Gespräch mit "Carlumna" Prof. Dr. Geraldine Zimmer-Bensch
| Organisation: | RWTH Aachen |
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| Fachgebiete: | Neuroepigenetik |
Sie wurden im Nachwuchsförderprogramm durch die Carl-Zeiss-Stiftung gefördert. Wo waren Sie damals tätig und was haben Sie gemacht?
Prof. Dr. Geraldine Zimmer-Bensch: Ich war als geförderte Postdoktorandin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig, in der Arbeitsgruppe von Prof. Jürgen Bolz, dem damaligen Leiter des Instituts für Allgemeine Zoologie und Tierphysiologie. Dort arbeitete ich im Bereich der Neuroentwicklung und untersuchte, wie eine spezifische Population unreifer Nervenzellen von ihrem Entstehungsort zu ihrem Zielgebiet im sich entwickelnden Gehirn migriert und welche Mechanismen diese Wanderung steuern. Spannend ist, dass genau diese Fragestellung – die Regulation neuronaler Migration – auch heute noch ein zentraler Bestandteil meiner Forschung ist.
Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?
Es war eine zugleich schöne wie auch herausfordernde Zeit. Während eines Postdoc in Rio de Janeiro, reichte ich – auf Ermutigung meines Doktorvaters hin – die Bewerbung für das Stipendium ein. Als ich die Förderung tatsächlich erhielt, eröffnete sich mir die wertvolle Möglichkeit, einen entscheidenden Schritt in Richtung wissenschaftlicher Eigenständigkeit zu gehen, ohne sofort völlig auf mich allein gestellt zu sein. Zudem brachte das Stipendium eine bedeutende finanzielle Unterstützung, die in einem Labor mit begrenzten Ressourcen von großem Wert war, und natürlich auch für meine Arbeit.
In dieser Zeit konnte ich erstmals Diplomand:innen betreuen und hatte auch HiWis, die mich unterstützten. Dabei habe ich schnell begriffen, dass man in der Forschung nur wirklich vorankommt, wenn man nicht allein, sondern im Team an Projekten arbeitet. Das war eine prägende Erfahrung.
Inspiriert davon, stellte ich dann meinen ersten DFG-Antrag, um die Finanzierung eines eigenen Doktoranden zu sichern – und tatsächlich war der Antrag erfolgreich. Das verschaffte mir noch mehr Unabhängigkeit, führte aber auch zu einer neuen Dynamik im Labor. In der Wissenschaft sind die Grenzen zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit in dieser Phase oft fließend, und genau diese Unschärfe trug zu Spannungen bei. Einerseits hatte ich große Freiheiten, Konzepte und Hypothesen selbst zu entwickeln, was meiner Natur sehr entsprach. Andererseits war ich weiterhin in bestehende Strukturen eingebunden und weisungsgebunden – ein Spannungsfeld, das nicht immer klar aufzulösen war.
Was machen Sie heute?
Ich bin Professorin für Neuroepigenetik und Prodekanin der Fakultät 1 an der RWTH Aachen.
Was begeistert Sie in Ihrer heutigen Position am allermeisten?
Am meisten begeistert mich die Vielfalt meiner Aufgaben.
In erster Linie liebe ich die Wissenschaft selbst – die Möglichkeit, gemeinsam mit meinem Team spannende Befunde zu diskutieren, neue Hypothesen zu entwickeln und mich tief in die Literatur einzuarbeiten. Es ist für mich ein großes Privileg, intellektuelle Neugier zu meinem Beruf machen zu dürfen, auch wenn ich mir für genau diesen Teil manchmal noch mehr Zeit wünschen würde. Ebenso schätze ich die Gelegenheit, zu reisen, an Tagungen teilzunehmen und dabei ganztägig in wissenschaftlichen Austausch einzutauchen sowie andere Länder und Labore kennenzulernen.
Darüber hinaus begeistert mich die Abwechslung, die meine Position bietet: Besonders die Lehre empfinde ich als sehr bereichernd. Wissen weiterzugeben, Studierende für Forschung zu begeistern und Lehrkonzepte kontinuierlich weiterzuentwickeln, gehört für mich zu den schönsten Aufgaben. Hinzu kommt die Mitarbeit in Fakultäten und universitären Gremien, die mir erlaubt, über das eigene Fach hinauszublicken und aktiv zur Weiterentwicklung der Universitätslandschaft beizutragen.
Diese einzigartige Mischung aus Forschung, Lehre und akademischer Selbstverwaltung macht meine Arbeit spannend und vielfältig – und genau das begeistert mich an meiner heutigen Position als Professorin am meisten.
Mit dem Wissen von heute: Was hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere schon gern gewusst?
Ich hätte mir zu Beginn meiner Laufbahn mehr Klarheit darüber gewünscht, wie entscheidend die Wahl des Labors – und teilweise sogar der Universität – für den weiteren Weg ist. Da ich nicht aus einer Akademikerfamilie stamme, hatte ich wenig Einblick in die Mechanismen der Wissenschaft und kaum Orientierung, worauf man bei solchen Entscheidungen achten sollte. Ich habe vieles einfach dankbar angenommen, was sich mir bot, und nicht aktiv nach den besten Rahmenbedingungen gesucht.
Heute weiß ich, wie wichtig es ist, den eigenen Wert und die eigene Arbeit von Beginn an zu erkennen und sich bewusst zu machen, dass man selbst etwas einbringt und nicht nur empfängt. Es ist entscheidend, sich früh Mentoren zu suchen – Menschen, die nicht nur fachlich unterstützen, sondern auch strategisch beraten, Türen öffnen und ermutigen. Das hätte mir sicher manches erleichtert und manche Umwege erspart.
Mit dieser Erfahrung im Rücken versuche ich nun selbst, jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern genau das zu vermitteln: die Bedeutung einer aktiven Wahl, die Suche nach guter Betreuung, und das Vertrauen in den eigenen Wert.
Es ist entscheidend, sich früh Mentoren zu suchen – Menschen, die nicht nur fachlich unterstützen, sondern auch strategisch beraten, Türen öffnen und ermutigen.
Könnten Sie sich vorstellen, etwas ganz anderes zu machen. Und wenn ja, was wäre das?
Nein! Ich bin genau da, wo ich sein möchte. In unsicheren Phasen habe ich mir zwar manchmal „Notfallpläne“ zurechtgelegt, einfach zur Beruhigung. Ich habe mir zum Beispiel vorgestellt, Reitlehrerin oder Yogalehrerin zu werden. Beides würde mir stundenweise sicher Freude bereiten, aber nicht als täglicher Beruf. Auch die Geburt und Babys faszinieren mich, und in einem anderen Leben hätte ich mir vorstellen können, Hebamme zu sein.
Psychotherapie fand ich ebenfalls spannend – aus Interesse an Lebensgeschichten, an Menschen und daran, wie sie mit Schwierigkeiten umgehen.
Doch ich habe schon früh für mich erkannt: Die Wissenschaft und die Akademia bietet mir genau die Mischung aus Freiheit, Kreativität, intellektueller Herausforderung und Gestaltungsmöglichkeiten, die ich brauche. Natürlich gibt es anstrengende Seiten – etwa den wachsenden Verwaltungsaufwand. Insgesamt überwiegt für mich aber die Begeisterung. Ich kann mit Überzeugung sagen: Ich bin an der richtigen Stelle.
Letzte Frage: Welches Schlagwort kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die Carl-Zeiss-Stiftung denken?
Wissenschaftlicher Aufbruch in jeder Hinsicht!
Herzlichen Dank, dass Sie für das Interview zur Verfügung standen!
Prof. Dr. Geraldine Zimmer-Bensch
RWTH Aachen
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